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Pferdefuhrwerkunternehmer Franz Fiaker klagt Carl Benz.

Er rechnet sich vor Gericht gute Chancen aus.

Mannheim, 19. Oktober 1896. Ein Rechtsstreit könnte die Zukunft des Verkehrswesens grundlegend verändern. Der angesehene Pferdefuhrwerkunternehmer Franz Fiaker kündigte heute rechtliche Schritte gegen den Automobilerfinder Carl Benz an. Der Vorwurf wiegt schwer: Benz habe das Konzept der Pferdekutsche nahezu vollständig kopiert und lediglich das Pferd entfernt.

„Ich bin entsetzt“, erklärte Fiaker gegenüber unserer Zeitung. „Das ist ganz eindeutig eine Kutsche. Sie hat Räder, einen Sitz, eine Lenkung und transportiert Menschen von einem Ort zum anderen. Nur das Pferd sieht ganz anders aus, als ich es gewohnt bin.“

Besonders empört zeigt sich der Unternehmer darüber, dass Benz offenbar jahrzehntelang Pferdekutschen beobachtet habe, bevor er sein sogenanntes Automobil entwickelte.

„Woher soll Herr Benz denn wissen, wie ein Rad funktioniert? Woher weiß er, dass man mit einer Lenkung die Fahrtrichtung verändern kann? Das hat er doch nicht selbst erfunden! Er hat sich dieses Wissen ganz offensichtlich von uns Kutschenunternehmern abgeschaut!“

Fiaker sieht darin einen eindeutigen Beweis für die unrechtmäßige Übernahme geistigen Eigentums.

„Ohne unsere Kutschen gäbe es dieses Automobil überhaupt nicht!“

Besonders problematisch findet Fiaker, dass Benz sein Fahrzeug als eigenständige Erfindung vermarktet.

„Was ist daran bitte originell? Menschen sitzen auf einer beweglichen Konstruktion mit Rädern und gelangen damit von A nach B. Genau das machen unsere Kutschen seit Jahrhunderten! Und jetzt kommt dieser Herr Benz daher, baut einen Motor ein und tut so, als hätte er etwas Neues geschaffen.“

Dass das Automobil ohne Pferd auskommt, hält Fiaker für ein besonders perfides Detail.

„Er hat einfach das Pferd weggelassen! Das ist doch keine Innovation, das ist eine leicht veränderte Kopie!“

Auch die Behauptung, ein Motorwagen könne ein authentisches Fuhrwerk ersetzen, weist Fiaker entschieden zurück.

„So eine Maschine hat doch noch nie ein echtes Pferd gesehen. Sie weiß überhaupt nicht, wie es sich anfühlt, bei Regen eine Kutsche zu ziehen. Wo bleibt da die Seele? Wo bleibt das Handwerk?“

Kutschenbranche fordert Schutz vor maschineller Nachahmung

Fiaker sucht nun Verbündete unter anderen Fuhrwerkunternehmern, Kutschenbauern und Pferdezüchtern.

Gemeinsam wolle man verhindern, dass Maschinen auf Grundlage jahrhundertelanger menschlicher und tierischer Erfahrung Fahrzeuge erzeugen, ohne die ursprünglichen Schöpfer angemessen zu entschädigen.

Diskutiert wird bereits eine Lizenzgebühr für jedes Rad, das an einem Automobil verbaut wird. Auch die Nutzung von Lenkungen, Sitzbänken und Straßen müsse nach Ansicht der Kutschenbranche urheberrechtlich geprüft werden.

„Es kann doch nicht sein, dass jemand unser gesamtes Wissen übernimmt, eine Maschine baut und dann auch noch Geld damit verdient!“, empört sich Fiaker.

Sein Anwalt prüft zudem, ob Autofahrer künftig für jede gefahrene Kurve eine angemessene Vergütung an die traditionellen Fuhrwerksbetriebe entrichten müssen.

Benz weist Vorwürfe zurück

Carl Benz ließ über einen Sprecher erklären, sein Automobil reproduziere keine Pferdekutschen, sondern nutze lediglich grundlegende technische Prinzipien, um ein neuartiges Verkehrsmittel zu schaffen.

Für Fiaker ist diese Argumentation nicht überzeugend.

„Ach, jetzt nennt er das also technische Prinzipien! Wenn ich einem Pferd die Ohren abschneide und ihm einen Schornstein aufsetze, ist es deshalb noch lange keine neue Erfindung!“

Besonders besorgniserregend sei außerdem die Geschwindigkeit, mit der die neue Technologie Fortschritte mache.

„Früher brauchte man einen erfahrenen Kutschenbauer, einen Stall, einen Kutscher und mindestens ein Pferd. Jetzt soll plötzlich ein Ingenieur genügen? Wo soll das denn hinführen?“

Experten warnen vor unkontrolliertem Fortschritt

Auch andere Vertreter des traditionellen Transportgewerbes zeigen sich alarmiert.

Sollten sich Automobile durchsetzen, drohe eine Zukunft, in der immer weniger Pferde benötigt würden. Tausende Kutscher könnten ihre Arbeit verlieren. Selbst die Nachfrage nach Pferdemist könnte dramatisch zurückgehen.

Fiaker fordert deshalb ein sofortiges Moratorium für die Entwicklung pferdeloser Fahrzeuge, bis sämtliche Fragen des geistigen Eigentums geklärt seien.

„Wir sind nicht gegen Fortschritt“, betont er. „Aber Fortschritt muss Grenzen haben. Und diese Grenzen müssen selbstverständlich dort liegen, wo unser Geschäftsmodell gefährdet wird.“

Für den bevorstehenden Prozess zeigt sich der Unternehmer optimistisch.

„Ich rechne mir ausgezeichnete Chancen aus. Es ist schließlich offensichtlich, dass Herr Benz die Kutsche als Vorlage verwendet hat. Er hätte sich eben etwas wirklich Eigenständiges überlegen müssen.“

Auf die Frage, wie denn ein ausreichend eigenständiges Fahrzeug aussehen könnte, antwortete Fiaker nach längerem Nachdenken:

„Na, zum Beispiel eines ohne Räder, ohne Lenkung und ohne Sitzplätze. Das wäre wenigstens eine echte Erfindung.“

Carl Benz war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Er soll sich derzeit mit der Weiterentwicklung seines Automobils beschäftigen.

Quelle:
https://www.spiegel.de/kultur/literatur/axel-scheffler-grueffelo-zeichner-will-gegen-ki-konzerne-vorgehen-a-0e19564f-7959-4417-967b-5f23501f6402